„Ein Schlag ins Gesicht aller todbringender Mächte und Gewalten“
- 02.04.2026 -
Karlsruhe, (02.04.2026). Ostern setzt da ein Komma, wo Menschen angesichts zerstörter Hoffnungen einen Punkt setzen. Ostern macht Hoffnung, dass es weitergeht – selbst nach dem Tod. Heike Springhart spricht in ihrer Osterbotschaft über die „Karsamstagszeit“, in der wir leben, und über die sanften Strahlen der Hoffnung.
Die Osterbotschaft von Landesbischöfin Heike Springhart im Wortlaut:
„In diesen Tagen kommt mir der Karsamstag nahe, oft „stiller Karsamstag“ genannt. An diesem Tag hält die Welt den Atem an. Nach unfassbarer Gewalt und einem Foltertod am Tag zuvor, nach zerbrochenen Hoffnungen auf einen Umsturz, der endlich Gerechtigkeit für alle bringen sollte, nach dem Ende der Zukunft, von der sie geträumt haben. Die Geschichte Jesu ist an einem Punkt angekommen, an dem sichtbar wird, welche Kräfte in dieser Welt am Werk sind. Es war eine unheilvolle Koalition von Religion, Politik und öffentlicher Meinung, die den Gottessohn ans Kreuz gebracht hat vor 2000 Jahren. Religiöse Autoritäten, die sich als Sachwalter des rechten Glaubens gesehen haben. Politische Machthaber, denen es nur vordergründig um Recht und Ordnung, vor allem aber um den eigenen Machterhalt ging. Die öffentliche Meinung, die in Windeseile von jubelnden Hosianna-Rufen zu „Kreuzige ihn!“ gewechselt ist. Alle haben aus ihrer eigenen Logik heraus gehandelt und genau so wurde das Unsägliche möglich. Diese Einsicht trifft auch heute mit voller Wucht. In der Stille von Karsamstag liegt alles. Das Unfassbare, was geschehen ist, hat denen, die dabei waren, die Sprache verschlagen.
Wir leben in einer Karsamstagszeit. Niemand weiß, was als nächstes kommt. Seit Wochen reißen die Bombenalarme Menschen im Nahen Osten aus dem Schlaf. Familien im Gazastreifen und im Westjordanland, in Tel Aviv und Haifa, im Libanon und im Iran. In der Ukraine nimmt der Bombenhagel kein Ende. Und im Schatten der Konflikte, die wir auf dem Bildschirm haben, sind Menschen bedroht in Afghanistan, in Syrien, im Sudan. Auch in meinem Leben gibt es diese Karsamstagszeiten. Wenn alles stillsteht. Wenn Schweigen dröhnt, weil eine vertraute Stimme plötzlich schweigt. Weil ich vergebens auf das Telefon schaue und hoffe, dass es eine Nachricht gibt von dem Menschen, der einmal mein Freund war. Wenn mit dem einen Anruf aus der Arztpraxis eine Diagnose von heute auf morgen alles in Frage stellt. Und so viele fragen sich, wie es gutes Leben für alle geben kann. Nach dem Hochjubeln von Menschen in Verantwortung, von denen alles erwartet wird, folgt allzu oft eine mediale Kreuzigung. Die Fragen nach einem guten Zusammenleben in unserem Land werden lauter.
Nach den Rissen und der Verzweiflung ist einfach nur Stille. Das war so am ersten Osterwochenende. Und das ist heute so. Aber auch in diesem Jahr feiern wir Ostern. In einer Zeit, in der die Frage lauter denn je ist, wie es wieder Brücken geben kann, wo vor allem Gräben zu sehen sind. In einer Zeit, in der die Meldungen von Krieg und Bombardierungen täglich die Nachrichten bestimmen. In einer Zeit, in der es im persönlichen Leben so viele Erschütterungen, Angst vor sozialem Abstieg und Verlust, Risse und Verzweiflung gibt. Was gibt da Hoffnung?
Vor wenigen Tagen habe ich unsere Partnerkirche in den USA besucht, die United Church of Christ (UCC). Ihr Motto ist: „Setz keinen Punkt, wo Gott ein Komma setzt.“ Gott spricht noch immer. Davon sind unsere Glaubensgeschwister überzeugt. Keinen Punkt setzen, wo Gott ein Komma setzt. Aus dieser Haltung schöpfen sie die Kraft und den Mut, aufzustehen gegen die Willkür der ICE-Beamten. Aus dieser Haltung stellen sie sich an die Seite von queeren Menschen und sammeln in den Gottesdiensten Lebensmittel für obdachlose Kinder. Wo andere alles für erledigt halten, setzen sie ein Komma für die Zukunft. Keinen Punkt, wo Gott ein Komma setzt. Das ist die Hoffnung von Ostern. Das Kreuz und der Tod sind an Karfreitag ein Punkt, ein Ende. Bis zum Ostermorgen zieht sich die Linie, die aus dem Punkt ein Komma macht. Es geht weiter. Selbst nach dem Tod. Selbst jetzt, wo überall zerstörte Hoffnungen zu erleben sind.
Die Frauen, die sich am ersten Ostermorgen auf den Weg gemacht hatten, haben mit nichts mehr gerechnet. Dann kommen sie ans Grab und es verschlägt ihnen die Sprache. Jesus ist nicht in seinem Grab. Erst nach und nach begreifen sie, dass das nicht ein weiterer Schlag in ihr Gesicht ist, sondern ein Schlag ins Gesicht des Todes und aller todbringenden Mächte und Gewalten. Es geht weiter und sie gehen weiter. Aber es ist anders als zuvor. Unheil hat nicht das letzte Wort. Der Auferstandene zeigt dem Tod die Stirn. Das nährt meine Hoffnung darauf, dass die Spiralen aus Tod und Gewalt durchbrochen werden.
In die Stille des Karsamstags mischen sich die leisen Töne und sanften Strahlen der Hoffnung. Dass der Tod einmal besiegt sein wird. Und dass Gott noch spricht, wo wir ihn längst nicht mehr zu hören geglaubt haben.“
Sehen Sie hier den Ostergruß der Landesbischöfin
Auf youtube ansehen: https://www.youtube.com/shorts/t6S9j_u74SI

