Worte an die Gemeinde

Andrea Knauber

Liebe Leserin, lieber Leser!

Als Mose mit den Gesetzestafeln vom Berg Sinai herabkam, so wird im 2. Buch Mose 34 erzählt, da „glänzte die Haut seines Gesichtes“. Mose selbst hatte davon keine Ahnung. Sein Bruder Aaron und alle vom Volk Israel sahen es und „fürchteten sich, ihm zu nahen“. Denn dieses Glänzen war zu besonders. Nicht vergleichbar mit einem nur gut gelaunten oder fröhlichen Gesicht. Auf dem Gesicht des Mose lag der Glanz jener Gottheit, die er auf dem Berg hatte schauen dürfen, die zu ihm sprach und ihm die Tafeln des Bundes, die Zehn Gebote gab. Die Begegnung auf dem Berg, der der Tradition nach im Sinaigebirge ausgemacht wird, war ein Schlüsselerlebnis auf dem Glaubensweg - für Mose genauso wie für das Volk Israel. Moshe rabenu – Mose, unser Lehrer, so wird Mose in der jüdischen Tradition benannt. Er lehrt die Israeliten, dass Gott sich an Menschen in Liebe bindet. Das ist Geschenk und Aufgabe zugleich für alle, denen sich Gott verbunden hat: Juden und Christen. Bis heute. Menschen finden diese Verbindung oder nehmen sie wieder neu auf. Sie erfahren sie als großes Geschenk und Glück. Zuzeiten ringen sie auch darum, wie der Reformator Martin Luther. Sein Ringen sollte zu einer Reform innerhalb seiner katholischen Kirche führen. Es hat und die Bewegung des Protestantismus ins Leben rufen. Luther hatte aus den biblischen Schriften von Gott gehört, hatte in den Schriften studiert,  gelernt, hatte Erfahrungen im Glauben wie mit seiner Kirche gemacht. Dort begegnete er einem strafenden und zürnenden Gott. Das ängstigte ihn und er machte sich auf die Suche. Vielleicht kann man Luthers Ringen und Suchen nach Gott als ein Ringen, als eine Suche nach dem „Glanz“ Gottes bezeichnen.  

Diese Suche wurde für ihn zu einer existentiellen Aufgabe. Luther hatte als Mönch schließlich sein Schlüsselerlebnis im Wittenberger Kloster, das als „Turmerlebnis“ in die Geschichte eingegangen ist: Er fand im Römerbrief des Neuen Testaments den liebenden und gnädigen Gott. Er fand ihn in Jesus Christus, der für ihn fortan Schlüssel, Zugang zum Verständnis der Bibel im Ganzen wurde. Das Alte Testament zu Rate zu ziehen, den Lehrer Mose zu befragen, lag ihm fern. So führte seine durchaus bahnbrechende Erkenntnis vom gnädigen Gott, die wir im Reformationsjubiläumsjahr bedenken, zu seiner Zeit zwar zu einer weitreichenden neuen Entwicklung in Theologie und Kirche - jedoch leider nicht zur Abschaffung der Mär, die sich bis heute leider immer noch hält: Gott (gesagt wird dann immer: Der Gott des Alten Testaments) sei ein Gott der Angst, des Schreckens.

Nähmen wir jedoch neben Jesus auch Mose, den Lehrer Israels und den Reformator Martin Luther zusammen als unsere Lehrer, dann würden wir tiefere Einsichten in das Wesen Gottes haben. Denn wenn Gott, der Schöpfer von Himmel und Erde, für sein Volk Israel einsteht, wie sollte er sich dann nicht denen in Liebe und voller Gnade zuwenden, die an einen aus dem Volk Israel glauben: an Jesus als den in die Welt gekommenen Messias, den Christus?  

Durch Mose und Jesus, dem Gott gleichfalls (und nur ihm!) ein solch überirdisch glänzendes Gesicht verliehen hat („Sein Angesicht leuchtete wie die Sonne“, Matth. 17,2), fällt der Glanz Gottes auch auf mich. Verleiht meinem Gesicht diesen besonderen Glanz. Lässt mich leuchten von innen heraus, etwa beim Lesen der Tageslosung, im Hören auf einen Bibeltext, im Beten eines Psalms am Sonntag. Allesamt Worte, die mein Vertrauen in Gott neu bestärken, der sich auch mit mir verbunden hat, der mich seine Weisungen lehrt und seine Geistkraft gibt.  

Ich wünsche mir, dass wir bei den Veranstaltungen rund um den Höhepunkt Reformationsjubiläums im Oktober wie in Gruppen und Kreisen immer wieder diesen Glanz, dieses Leuchten von innen heraus spüren, das aus der Beschäftigung mit dem biblischen Wort herkommt. Und dass wir diese Freude teilen, denn geteilte Freude ist doppelte Freude! Mindestens!  

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und euch einen glanz- und freudvollen Herbst!  

Ihre Pfarrerin


 

  Andrea Knauber


Aktualisiert am 25. September 2017