BNN Ausgabe Bruchsal vom 9. Dezember 1997

Streichung von Pfarrstellen stößt auf Widerstand

Kann Arbeitsplatzverlust noch verhindert werden?

Mangelnde Solidarität des Kirchenbeirats beklagt

Bruchsal-Untergrombach (bm.-). Die Tatsache kann niemand wegdiskutieren: In der Evangelischen Landeskirche in Baden gibt es immer weniger Kirchenglieder auf der einen und eine wachsende Zahl nicht mehr kirchensteuerpflichtiger Rentner mit dem Mitgliederschwund (aber auch wegen der hohen Zahl der Arbeitslosen) einher gehen empfindliche Einnahmeverluste. Es müssen daher zwangsläufig Sparmaßnahmen ergriffen werden. Die in der freien Wirtschaft am häufigsten geübte Praxis wird nun auch von der Bezirkssynode vorgeschlagen: bis spätestens zum Jahr 2002 sollen im Kirchenbezirk Karlsruhe-Land (mit Dekanatssitz in Bruchsal) insgesamt zwei Pfarrstellen gestrichen und eineinhalb Gemeindediakone eingespart werden (wir berichteten). Von diesem Strukturplan betroffen sind insonderheit die beiden Christusgemeinden Untergrombach und Obergrombach sowie die Paul-Gerhardt-Pfarrei in der Bruchsaler Südstadt. Und dagegen wehren sich die Kirchenglieder in Untergrombach und Obergrombach, wie die äußerst gut besuchte Gemeindeversammlung am Sonntag nach dem Gottesdienst in der Gustav-Adolf-Kirche zu Untergrombach zeigte (natürlich ist auch die Südstadt mit der Regelung nicht einverstanden).

Die evangelischen Christen waren vor einigen Jahren glücklich, daß die bis dahin bestehenden Diasporagemeinden in Obergrombach und Untergrombach endlich einen eigenen Pfarrer bekamen (nunmehr schon in der zweiten Generation). Die Christusgemeinden wuchsen, ebenso nahm der Kirchenbesuch deutlich zu. Das Pfarrerehepaar in Untergrombach teilt sich eine Stelle, Pfarrerin Marlene Bender versieht den Dienst in der Gemeinde, Pfarrer Manfred Bender kümmert sich um die Seelsorge im Bruchsaler Krankenhaus (und vom Zeitaufwand sind diese beiden Aufgaben alles andere als bloße Halbtagsjobs).

Die erwähnte Strukturreform sieht nun vor, daß die Pfarrstelle in Unter- und Obergrombach mit der Südstadtpfarrei vereinigt werden soll, mit Dienstsitz im Pfarrhaus von Paul-Gerhardt, das heißt also Predigtdienst in de facto drei Gemeinden. Der halbe Dienstauftrag am Fürst-Stirum-Spital bleibt unangetastet. Die Neuordnung soll, wie der Untergrombacher Kirchengemeinderatsvorsitzende Dr. Hans-Wilhelm Müller erläuterte, spätestens im Jahr 2002 mit der Zurruhesetzung von Pfarrer Schweizer (Paul-Gerhardt) erfolgen. Als gewissen Ausgleich sind Pfarrdiakone in Aussicht gestellt.

Kritik wurde in der Gemeindeversammlung, unter der sachlich-argumentativen Moderation von Dr. Günther Brendelberger, am praktizierten Verfahren geübt, die Gemeindeglieder fühlen sich "vor vollendete Tatsachen" gestellt. Sonntags werde von den Kanzeln die hohe Arbeitslosigkeit beklagt und die Kirche bediene; sich gleicher unchristlich-kapitalistischer Vorgehensweisen. Nirgendwo in den Strukturpapieren fänden sich ernsthaft Anstrengungen, weitere Sparpotentiale auszuschöpfen oder neue Finanzquellen zu erschließen. Die Erhaltung der Pfarrstellen müßte doch bei entsprechender Solidarität im Kirchenbezirk etwa über die Erhebung eines "Peterspfennig" (eine jährliche freiwillige Kollekte) u. a. möglich sein. Eine entsprechende Opferbereitschaft von Untergrombach und Obergrombach kann vorausgesetzt werden. Es geht ja letztendlich saldiert lediglich um die Finanzierung einer Viertelspfarrstelle (die Südstadt hat ihre Bereitschaft signalisiert, dort auf eine Dreiviertelstelle zurückzugehen).

In der Gemeindeversammlung wurden selbstredend Flugblattaktionen und sogar Demonstrationen angeregt. Gerade in Untergrombach und Obergrombach mit zwischenzeitlich 1289 Gemeindegliedern müßte vor allem in den Neubaugebieten, wie in der Bruchstelle Südstadt, die seelsorgerische Betreuung vor Ort weiterhin gewährleistet sein. Keine Frage, es haben sich beide große Kirchen mit der Integration von Neubürgern gesellschaftspolitisch größte Verdienste erworben. Anstelle den heiligen Florian zu bemühen, setzten die Lutheraner und Reformierten auf Solidarität und Eigenverantwortlichkeit. Ihre Vorstellungen wollen die Protestanten nun mit einem Vertreter des Oberkirchenrats, mit dem Dekan und den Synodalen in einer weiteren Gemeindeversammlung erörtern.